Jessica Schöne
„Kinder müssen dort abgeholt werden, wo ihre Interessen liegen.“
22.10.26 | Jessica „Jess“ Schöne ist als Moderatorin ein bekanntes Gesicht im deutschen Kinder- und Familienfernsehen. Einem breiten Publikum wurde sie vor allem bekannt durch ihre langjährige Moderation von KiKA LIVE sowie Formate wie den Tigerenten Club, die Terra X-Show Kids und den KiKA Award. Die gebürtige Stuttgarterin mit deutsch-ecuadorianischen Wurzeln engagiert sich neben ihrer TV-Arbeit als Lesebotschafterin der Stiftung Lesen für die Leseförderung und weitere soziale Projekte. Im Interview zum Bundesweiten Vorlesetag am 20. November 2026 erklärt sie uns, warum und wie Vorlesen Kinder in ihrer Entwicklung stärkt.
Liebe Jessica,
warum ist es so wichtig, Kindern vorzulesen? Auf welche Weise stärkt Vorlesen und Lesen die Entwicklung von Kindern?
Vorlesen legt einen wichtigen Grundstein dafür, dass Kinder später selbst sicherer und besser lesen können. Außerdem schenkt man Kindern beim Vorlesen gemeinsame Zeit, Nähe, Aufmerksamkeit und schafft Erinnerungen, die bleiben.
In Büchern entdecken Kinder neue Welten, lernen unterschiedliche Perspektiven kennen und finden wertvolle Botschaften, zum Beispiel dass jeder Mensch dazugehört, einzigartig und wertvoll ist und dass es gut ist, mutig zu sein. Gleichzeitig erleben sie, dass Lesen Spaß macht und Neugier weckt.
All das unterstützt Kinder in ihrer sprachlichen, sozialen und persönlichen Entwicklung und kann ihnen ein Leben lang die Freude am Lesen mitgeben.
An welche schönen Vorlesemomente erinnerst Du Dich aus Deiner Kindheit? Was war Dein Lieblingsbuch?
Mein Papa hat mir sehr oft vorgelesen. Er konnte immer so gut seine Stimme verstellen und damit waren die Geschichten jedes Mal so unfassbar spannend! Er hat auch sehr viele Geschichten erfunden oder aus dem Kopf erzählt. Die Geschichte von den „Drei kleinen Schweinchen“ ist also in meiner Erinnerung etwas anders als das Original. Ich wollte auch immer so gut vorlesen können wie mein Papa. Deshalb habe ich auch sehr früh angefangen, zu lesen.
Als Kind mochte ich immer die Märchen der Brüder Grimm, auch wenn ich die heute teilweise ganz schön heftig finde.
Greifst Du heute auch gern zum Buch, weil Dir als Kind viel vorgelesen wurde?
Definitiv! Dadurch habe ich gelernt, wie viel Spaß das Lesen macht. Mein Vater hat daran ebenfalls einen sehr großen Anteil gehabt. Er selbst liest bis heute sehr gern und hat diese Begeisterung an mich weitergegeben. Bei ihm war Vorlesen nie langweilig. In meiner Erinnerung ist es fast so, als hätten wir Filme geschaut. So realistisch wurden die Geschichten für mich, wenn er vorlas.
Laut aktuellen Ergebnissen der PISA-Studie hat ein Drittel der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler sehr eingeschränkte Lesekompetenzen. Wie kann es gelingen, Kinder von Handy & Co. wegzulocken und fürs Lesen zu begeistern?
Ich glaube, es geht nicht darum, Kindern das Handy wegzunehmen, sondern darum, Lesen cool zu machen. Auch hier spielen Vorbilder eine wichtige Rolle. Wenn es die Eltern nicht sind oder nicht sein können, dann vielleicht eine Person aus der Öffentlichkeit? Mit BookTok ist ja bereits eine tolle Welle ausgelöst worden.
Kinder müssen dort abgeholt werden, wo ihre Interessen liegen: Welches Thema interessiert sie? Welche Bücher gibt es dazu? Genau da kann man ansetzen.
Meine eigene Freude am Lesen ist mir in der Oberstufe einmal verloren gegangen, weil ich einige Bücher lesen musste, die mich überhaupt nicht interessiert haben. Deshalb glaube ich fest daran: Lesen muss Spaß machen!
Eine Freundin von mir hat zum Beispiel für ihre beiden Töchter einen kleinen Buchclub ins Leben gerufen. Jede durfte sich ein Buch aussuchen, das innerhalb einer bestimmten Zeit gelesen wurde. Danach haben sie sich getroffen und gemeinsam über die Inhalte gesprochen. Eine solche Runde lässt sich gut mit einem leckeren Essen, einem Ausflug oder Ähnlichem verbinden.
Ist erst einmal eine Leseroutine entwickelt, greift man ganz selbstverständlich zum Buch. Und schon darf das Handy auch mal für ein paar Minuten im Flugmodus bleiben.
Als Moderatorin für Kinder- und Jugendsendungen bist Du für viele Kinder ein Vorbild. Was möchtest Du ihnen mit auf den Weg geben und was bereitet Dir an der Zusammenarbeit mit Kindern besondere Freude?
Mein Anliegen war schon immer, Kindern und Jugendlichen zu zeigen: Es ist cool, Werte zu haben. Es ist cool, zu lesen. Es ist cool, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Und man kann gleichzeitig cool und lieb sein, ohne sich alles gefallen zu lassen.
Ich wünsche mir, dass aus den Kindern starke Erwachsene werden, die für ihre Werte einstehen, ihren eigenen Weg gehen und dabei nie vergessen, wo sie herkommen.
Und umgekehrt lerne ich selbst unglaublich viel von Kindern: über ungefilterte Ehrlichkeit, über Emotionen und darüber, was im Leben wirklich wichtig ist. Genau diese Offenheit und Authentizität liebe ich an der Zusammenarbeit mit ihnen.
Vielen Dank für das Gespräch.








