Maria Usbeck
„Entscheidend ist, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben“
08.09.26 | Maria Usbeck ist seit 2022 Referentin für Suchtprävention bei der Fachstelle für Suchtprävention Berlin und verantwortet dort die bundesweite Koordination des Präventionsprogramms 1000 Schätze. Zu ihren Tätigkeiten gehören u.a. auch die Durchführung von Fachkräfteschulungen zu Themen wie „Kinder aus suchtbelasteten Familien“ oder die Beratung im Rahmen der Berliner Präventionspraxis. Im Interview erklärt Sie, mit welchen Fragen und Nöten Eltern in die Suchtpräventionsfachstelle kommen und wie das Team Eltern im Umgang mit den Herausforderungen im Erziehungsalltag unterstützt.
Liebe Frau Usbeck, mit welchen Fragen und Problemen können sich Eltern an eine Suchtpräventionsstelle wie Ihre wenden?
Eltern wenden sich an uns als Fachstelle für Suchtprävention, wenn sie Veränderungen bei ihrem Kind beobachten und unsicher sind, ob diese möglicherweise mit exzessiver Mediennutzung oder Substanzkonsum zusammenhängen. Sie erleben beispielsweise, dass sich ihr Kind zunehmend zurückzieht und sie das Gefühl haben, den Kontakt zu verlieren. Auch nachlassende schulische Leistungen, körperliche oder psychische Veränderungen, ein neuer Freundeskreis oder das Vernachlässigen früherer Hobbys bereiten Eltern große Sorge und sie sind unsicher, wie sie damit umgehen können. Diese Veränderungen müssen nicht automatisch auf einen riskanten Konsum oder ein problematisches Nutzungsverhalten hinweisen, sollten aber Anlass sein, genauer hinzuschauen und die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Auch wenn auffällt, dass beispielsweise Cannabiskonsum zunehmend Raum im Leben des Kindes einnimmt, das Handy in jeder freien Minute zur Hand genommen wird und es immer häufiger zu Streit kommt, suchen Eltern Unterstützung und Beratung.
Gleichzeitig nutzen viele Eltern unsere Angebote als Möglichkeit, sich frühzeitig zu informieren auch, wenn aktuell keine konkreten Probleme bestehen. Sie möchten sich Wissen und Orientierung holen, um von Anfang an einen guten und bewussten Umgang mit Themen wie Mediennutzung oder Substanzkonsum in der Familie zu entwickeln und möglichen Problemen frühzeitig vorzubeugen.
Sie bieten Eltern Unterstützung im Erziehungsalltag. Können Sie uns ein paar Beispiele nennen?
In Bezug auf Substanzkonsum begegnen uns häufig die Themen Vapen, Cannabis oder Alkohol. Eltern suchen oft Unterstützung, wenn sie bereits Konsum bei ihrem Kind bemerkt haben und sich Sorgen machen. Gemeinsam arbeiten wir die Haltung der Eltern zum Thema Konsum heraus und stärken sie in ihrer Rolle. Ziel ist es, altersgerechte Regeln zu entwickeln und als Eltern möglichst an einem Strang zu ziehen, unabhängig davon, ob sie zusammen oder getrennt erziehen. Ein gemeinsames Vorgehen gibt Kindern und Jugendlichen Orientierung und unterstützt ihre gesunde Entwicklung.
Ebenfalls einen großen Teil der Beratungen nimmt das Thema Nutzung von digitalen Medien ein. Viele Eltern sorgen sich, dass ihr Kind zu viel Zeit am Smartphone oder mit anderen digitalen Medien verbringt und sie den Zugang zu ihrem Kind verlieren. Dahinter stehen Fragen wie: „Wie kann ich mein Kind schützen?“ oder „Was braucht mein Kind in diesem Alter?“. In der Beratung ordnen wir zunächst die Mediennutzung ein und stärken die Erziehungskompetenz der Eltern. Gemeinsam schauen wir auf die Bedürfnisse des Kindes und entwickeln klare Vereinbarungen für den Familienalltag. Dazu gehören sowohl Regeln als auch angemessene Konsequenzen. Diese sollen nicht bestrafen, sondern Orientierung geben und sind ein wichtiger Bestandteil der aufgestellten Regeln. Wenn Eltern und Kinder die Regeln und gegebenenfalls auch die Konsequenzen gemeinsam erarbeiten, lassen sie sich im Alltag meist besser umsetzen.
In vielen Familien gibt es Streit darüber, wie lange das Handy oder Tablet genutzt werden dürfen. Was raten Sie Eltern, vor allem in Bezug auf ihr eigenes Vorbildverhalten?
Medienerziehung beginnt bei den Eltern selbst. Es lohnt sich, den eigenen Medienkonsum zu reflektieren und sich bewusst zu machen, wie häufig das Smartphone oder der Fernseher im Alltag genutzt wird. Kinder orientieren sich stark an dem Verhalten, das sie tagtäglich sehen. Hilfreich sind außerdem feste handyfreie Zeiten in der Familie, etwa beim gemeinsamen Essen oder Spielen. Ebenso wichtig ist es, Kindern in Gesprächen die volle Aufmerksamkeit zu schenken, ohne nebenbei auf das Smartphone zu schauen oder den Fernseher laufen zu lassen.
Wichtig ist: Eltern müssen nicht dieselben Regeln befolgen wie ihre Kinder. Sie sollten den eigenen Umgang reflektieren und transparent machen, warum sie das Smartphone nutzen, beispielsweise für berufliche Aufgaben oder die Organisation des Familienalltags. So verstehen Kinder, dass nicht jede Handynutzung Freizeit ist.
Auch das Thema „Vapen“ beschäftigt viele Eltern. Ist es schon ein Thema für die Grundschule? Was raten Sie Eltern und auch Lehrkräften, wenn sie einen Konsum vermuten?
Ja, leider ist Vapen inzwischen auch ein Thema für die Grundschule. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern und schulische Fachkräfte das Thema nicht unterschätzen, sondern sich frühzeitig damit auseinandersetzen.
Wenn der Verdacht besteht, dass ein Kind vapt, sollte das Gespräch an erster Stelle stehen. Es geht zunächst darum zu verstehen, warum das Kind überhaupt zur Vape greift. Steckt Neugier dahinter? Möchte es dazugehören? Oder versucht es vielleicht, mit Stress oder anderen Belastungen umzugehen? Nur wenn sie die Gründe kennen, kann das Kind entsprechend unterstützt werden.
Gleichzeitig gilt: Kinder brauchen Orientierung. Sowohl innerhalb der Familie als auch in der Schule, weshalb es eindeutige Regeln braucht. Eltern sollten sich überlegen, welche Konsequenzen es hat, wenn sie ihr Kind beim Vapen erwischen. Wichtig ist, dass sie die Konsequenzen auch tatsächlich umsetzen können. Nur dann bleiben Regeln glaubwürdig. Darüber hinaus sollten Eltern eine klare Haltung vermitteln. Auch wenn Eltern selbst rauchen, können und sollten sie ihrem Kind deutlich sagen: „Du bist dafür noch viel zu jung. Vapen ist gesundheitsschädlich, und ich möchte nicht, dass du das machst.“ Auch Schulen profitieren von Regeln und einem gemeinsamen Vorgehen. Sinnvoll ist es, das Thema im Kollegium und mit der Schulleitung zu besprechen und sich auf einen einheitlichen Umgang zu verständigen. Klare Absprachen helfen dabei, im Ernstfall konsequent und nachvollziehbar zu handeln.
Insgesamt ist zu betonen: Verbote allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, Interesse zu zeigen und sie dabei zu unterstützen, gesunde Wege zu finden, mit Stress, Unsicherheit oder Gruppendruck umzugehen.
Was kann aus Ihrer Sicht noch Kinder für ein suchtfreies Leben stärken?
Die Grundlagen der Suchtprävention werden bereits in der frühen Kindheit gelegt. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Lebenskompetenzen, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als wichtige Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit beschrieben werden. Diese Kompetenzen können sowohl im Familienalltag als auch in der Schule frühzeitig gefördert und gestärkt werden. Dazu gehören unter anderem ein gesunder Umgang mit Stress, Gefühlen oder Konflikten, Selbstvertrauen oder kreatives und kritisches Denken. Eltern und Lehrkräfte können Kinder stärken, indem sie verlässliche Beziehungen schaffen, Orientierung geben und offene Gespräche ermöglichen.
Für Schulen gibt es hierfür geeignete Präventionsprogramme, die dabei unterstützen, diese Kompetenzen systematisch und langfristig im Schulalltag zu verankern. Solche Programme ermöglichen es, Suchtprävention nicht nur punktuell, sondern als festen Bestandteil der schulischen Entwicklung umzusetzen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Weitere Hilfen für Eltern
Mehr Infos über „Vapes“ (E-Zigaretten)
Das BIÖG bietet in seinem Shop den Flyer „Vapes (E-Zigaretten) zum Bestellen und Download an. Das Faltblatt richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene. Thematisiert werden die Gefahren des Konsums von Vapes und Tabakzigaretten, aber auch die Auswirkungen des Passivrauchens. Das Faltblatt gibt Hilfestellungen und empfiehlt weitere kostenfreie und qualitätsgesicherte Angebote zum Rauchstopp.
DHS-Suchthilfeverzeichnis
Auf der Webseite der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) finden Sie das Suchthilfeverzeichnis: https://www.dhs.de/service/suchthilfeverzeichnis. Dort können Sie in der Suchmaske Ihren Ort oder Ihre Postleitzahl eingeben und eine Fachstelle in Ihrer Region finden.
Digitale Suchtberatung
Eine digitale Suchtberatung wird von Suchtberatungsstellen über die Plattform DigiSucht angeboten: www.suchtberatung.digital
Sucht & Drogen Hotline
Rund um die Uhr erhalten Sie telefonische Beratung in Sucht- und Drogenfragen für Betroffene und ihre Angehörigen: 01806 313031
Das Angebot ist kostenpflichtig: 0,20 € pro Anruf aus dem deutschen Festnetz und aus dem Mobilfunknetz.
Informationen der Fachstelle für Suchtprävention Berlin
Die Fachstelle bietet unter https://www.berlinsuchtpraevention.de/themen/elternundfamilie/ verschiedene empfehlenswerte Beiträge und Beispiele, die Eltern in Kürze verständlich machen, was sie tun können, um ihr Kind zu stärken. Für mehr Sicherheit im Erziehungsalltag!
Außerdem finden Eltern dort weitere unterstützende Online-Angebote wie Elternabende und -seminare zu unterschiedlichen Themen sowie den mehrwöchigen Elternkurs „Starke Eltern, starke Kinder“, der Eltern in ihrer Erziehungskompetenz stärkt und sie im Umgang mit Herausforderungen im Familienalltag unterstützt (für Eltern vor Ort).
bke-Online-Beratung
Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) ist der Fachverband für Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung und bietet Hilfe bei allen Fragen und Sorgen für Eltern und Jugendliche:
bke-Jugendberatung
bke-Elternberatung
Nummer gegen Kummer
Bei der „Nummer gegen Kummer“ können sich Kinder, Jugendliche, ihre Eltern und andere Erziehungspersonen über ein schnell erreichbares Gesprächs- und Beratungsangebot anonym und kostenfrei Hilfe holen. Die Beratungsangebote sind erster Ansprechpartner für alle Fragen und bei Problemen in besonders kritischen Situationen:
- Kinder- und Jugendtelefon, direkte Hilfe für Kinder und Jugendliche, montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr, Telefonnummer: 116111.
Wer seine Probleme oder Sorgen lieber in Ruhe aufschreiben möchte, wählt die Mail-Beratung und wer den direkten Austausch mag, die Chat-Beratung, montags bis donnerstags von 15 bis 20 Uhr.
- Telefonische Beratung für Eltern gibt es montags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags von 9 bis 19 Uhr, Telefonnummer: 0800 1110550








