Sophia Lierenfeld

Theaterspielen stärkt das Selbstbewusstsein von Kindern

09.05.2018 | Zum 40. Geburtstag von Janoschs Kinderbuch „Oh wie schön ist Panama“ ist das Tigerenten-Erzähltheater mit Schauspielerin Sophia Lierenfeld auf großer Jubiläumstour. Im Interview erzählt sie, warum das Tigerenten-Erzähltheater ganz auf Effekte, Requisiten und Bühnenbild verzichtet. Sie erklärt auch, wie wichtig Rollenspiele aus ihrer Sicht für die Entwicklung von Kindern sind und inwieweit Eltern dies fördern können.

Sophia Lierenfeld mit Akkordion
© Janosch film & medien AG

Frau Lierenfeld, im Tigerenten-Erzähltheater verwenden Sie keinerlei Requisiten. Wie verwandeln Sie sich stattdessen in die unterschiedlichen Janosch-Figuren?

„Die Geschichten vom kleinen Tiger und vom kleinen Bär sind Geschichten fürs Herz. Sie kommen ganz ohne Effekte und große Dramen aus. Es geht um Werte wie Freundschaft und Lebensfreude, darum, das Leben zu genießen, gemeinsam zu musizieren und ein leckeres Essen zu kochen. Deswegen haben wir im Erzähltheater auch auf Effekte, Requisiten und ein Bühnenbild verzichtet und mit ganz einfachen Mitteln gearbeitet.

Ich erwecke die Figuren durch eine unterschiedliche Körpersprache und Stimme zum Leben. Jede hat ihre Eigenheiten. Der kleine Bär zum Beispiel spricht tief und behäbig und tapst gemütlich über die Bühne. Dafür verwende ich zum Teil auch Clown-Elemente. Der Hase mit den schnellen Schuhen hingegen sprintet durch den Raum und verhaspelt sich fast beim hastigen Reden. Durch Pantomime kreiere ich die Welt, die Janosch beschreibt und spiele mit dem imaginären Boot, dem Tisch oder dem Briefpapier.

Es ist immer wieder großartig, zu erleben, dass das funktioniert. Die Kinder tauchen mit ihrer Vorstellungskraft ganz in die Geschichten ein. Da wird sich im Publikum um eine unsichtbare Briefmarke gestritten und der Bär wird ermahnt, wenn er seine Angel vergisst. Die ganze Janosch-Welt wird durch die Fantasie der Kinder zum Leben erweckt.“

Die kleinen Besucher des Erzähltheaters sind im Kindergartenalter. Können sie sich aktiv an den Geschichten beteiligen?

„Auf jeden Fall! Jede Geschichte hat Mitmachelemente. Das Publikum hilft der musikalischen Ente, den Ton wieder freizusingen, der in ihrer Harmonika klemmt oder ich bitte ein Kind auf die Bühne, um ein imaginäres Papier zu halten, damit der kleine Bär darauf seinen Brief verfassen kann.

Die Kinder überraschen mich aber auch immer wieder. Ich weiß nie, was in der Vorstellung passieren wird. Manchmal krabbelt ein kleines Geschwisterchen auf die Bühne oder ein Kind ruft Fragen dazwischen. Einmal ist sogar ein kleines Mädchen auf die Bühne gekommen und hat die halbe Geschichte mitgespielt. Die Grenze zwischen Bühne und Publikum ist für Kinder nicht so präsent; wir erleben die Geschichten gemeinsam. Immer wieder passiert etwas Unerwartetes, Spannendes und lustiges. Das macht jede Vorstellung für mich einzigartig und lebendig.

Natürlich gibt es hin und wieder auch Kinder, die unruhig werden und denen es schwer fällt, sich zu konzentrieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass Fernsehen und Computer dabei eine Rolle spielen. Erzieherinnen und Veranstalterinnen erzählen mir regelmäßig, dass viele Kinder gar nicht mehr wissen, wie es ist, etwas vorgelesen zu bekommen. Da fällt es dann natürlich schwer, dreißig Minuten lang ruhig zu sitzen und zuzuhören. Das gemeinsame singen, tanzen und spielen hilft und macht die Geschichten für alle Kinder spannend.“

Kleine Kinder lieben es, sich zu verkleiden und in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Wie wichtig ist das für die Entwicklung von Kindern und inwieweit können Eltern das fördern?

„Ich finde das sehr wichtig. Gerade bei meinen Auftritten erlebe ich immer wieder, mit welcher Spielfreude die Kinder sich auf die Geschichten einlassen, wie sie durchs Mitspielen neue Erfahrungen sammeln und sich ausprobieren. Nicht selten beobachte ich, wie die Kinder nach der Vorstellung die Geschichten weiterspielen und sich mit den Themen beschäftigen.

Ich selbst lerne ja auch immer wieder etwas Neues, wenn ich ein neues Theaterstück spiele. In jeder Rolle erfahre ich etwas über mich selbst und lerne, Themen von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten. Vielleicht auch mal meinen eigenen Standpunkt zu verlassen und mich in andere hineinzuversetzen. Warum sollte es den Kindern anders gehen?

In der Theaterarbeit mit Kindern sehe ich oft, wie wichtig Freiräume für Fantasie sind. Es geht dabei hauptsächlich um den eigenen Ausdruck und darum, die eigenen Ideen einzubringen und auszuprobieren. Eltern können ihren Kindern helfen, solche Freiräume zu haben, indem sie auf sie eingehen und herausfinden, wie sie sich spielerisch ausprobieren wollen. Für das eine Kind ist das ein Baum im Park, auf dem man klettern kann, für das andere Kind ein Spielzeugauto. Manche verkleiden sich gerne, andere wollen malen, manche freuen sich, wenn sie ein Instrument lernen dürfen, wieder andere sind über ein kleines, selbstgebasteltes Theater zu Hause überglücklich. Ich finde es toll, wenn Eltern ihren Kindern die Gelegenheit geben, viel Neues auszuprobieren, um herauszufinden, was ihnen Spaß macht. Wichtig ist nur, das nicht zum Zwang werden zu lassen. Am Ende geht es ja darum, Spielfreude zu empfinden und die Kinder positiv zu bestärken.“

Warum kann insbesondere Theaterspielen bzw. -pädagogik mit dazu beitragen, dass Kinder zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen?

„Kinder lernen ja die ganze Zeit, wie sie sich in der Erwachsenenwelt zurechtfinden. Wann sie stehen bleiben müssen (rot) und wann sie laufen dürfen (grün). Sie lernen lesen, schreiben und rechnen von Lehrern, die ihnen bereits bestehende Systeme erklären. Und sie übernehmen oft das Selbstbild, das ihre Eltern ihnen vermitteln.

Beim Theaterspielen können Kinder hingegen ihre ganz eigenen Welten kreieren. Sie können sich selbst ausprobieren und erforschen, wie sie auf unterschiedliche Situationen reagieren. Dadurch lernen sie sich selbst besser kennen und es entsteht Selbstbewusstsein. Durchs Theaterspielen werden Themen oft vielseitig beleuchtet, so erfahren Kinder, dass es nicht nur richtig und falsch, Gut und Böse, schwarz und weiß gibt. Und jedes Kind kann seine eigene Meinung entwickeln. Insbesondere gibt es keine Peinlichkeiten und kein richtig oder falsch. Gerade in unserer Leistungsgesellschaft, in der Handlungen und auch Charaktereigenschaften und Gefühle oft bewertet werden, kann es sehr befreiend sein, einfach mal drauf los zu spielen und ohne Begrenzungen heraus zu finden, was in einem steckt.

Ganz besonders wertvoll finde ich auch den Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern in der Theaterpädagogik. Wenn wir mit Kindern spielen, verlassen wir die „Erwachsenenwelt“, in der wir die Regeln festgelegt haben, und begeben uns in ihre Welten. Dort können wir gemeinsam neue Regeln festlegen und erfinden. Das ist für Kinder unglaublich bestärkend und auch für Erwachsene bereichernd. Wir können so viel Neues lernen, auch von den Jüngsten. Ich erlebe es jedes Mal in meinen Vorstellungen und bin immer wieder tief berührt und inspiriert von den Impulsen und Ideen, die die Kinder einbringen.“

Vielen Dank für das Interview!