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Günter Steppich

Eltern tragen die Hauptverantwortung für Medienerziehung

07.02.2020 | Günter Steppich ist Beauftragter für Jugendmedienschutz und arbeitet an der Gutenbergschule Wiesbaden als Lehrer. Darüber hinaus ist er IT-Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis. Er betreibt die Seite www.medien-sicher.de, auf welcher er zahlreiche medienpädagogische Tipps für Schüler/innen, Eltern und pädagogische Fachkräfte veröffentlicht. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen und gibt wertvolle Tipps, wie Eltern ihre Kinder in der digitalen Welt begleiten können.

75 Prozent der 10- bis 11-Jährigen besitzen ein Smartphone. Wie finden Sie das?

„Aus meiner Sicht ist das eine sehr bedenkliche Entwicklung, denn einer Mehrheit der Eltern ist nicht bewusst, dass sie ihren Kindern mit einem Smartphone Vollzugang zur Erwachsenenwelt zumuten. Kaum jemand käme auf die Idee, einem Kind einen Laptop mit SIM-Card zu überlassen, aber Smartphones werden hochgradig unterschätzt. Erst kürzlich erklärte mir ein 12-Jähriger grinsend, seine Eltern hätten auf seinem Rechner eine Kindersicherung installiert, aber nicht auf seinem Handy...
Insbesondere durch die Nutzung von WhatsApp gelangen hochproblematische Inhalte auf Kinderhandys, auch vermehrt Kinderpornographie und extreme Gewaltdarstellungen bis hin zu Tötungsvideos, die Kinder erheblich verstören und ängstigen. Dabei handelt es sich keineswegs um Einzelfälle, das hat inzwischen inflationäre Ausmaße angenommen. Die Fälle von Cybergrooming – pädophile Übergriffe auf Kinder im Netz – haben sich durch die Smartphones verzehnfacht, weil die bei Kindern populären Apps den Tätern die Kontaktaufnahme viel einfacher gemacht haben.
Aus Scham oder wegen der Angst, das Handy abgenommen zu bekommen, vertrauen Kinder sich damit oft nicht ihren Eltern an, sodass diese überhaupt nicht mitbekommen, was die Kinder belastet und was sie eigentlich intensiv aufarbeiten müssten. Ich persönlich würde einem Kind kein Smartphone zumuten, sondern erst Jugendlichen ab ca. 14 Jahren, die mit problematischen Inhalten schon viel besser umgehen können und nicht mehr so leicht zu verängstigen sind.“

Am 11. Februar ist der „Safer Internet Day“. Sie arbeiten dafür, dass Kinder und Jugendliche sicher im Netz unterwegs sind. Welche Verantwortung dafür tragen die Eltern?

„Formal tragen die Eltern glasklar die Hauptverantwortung für Medienerziehung. Ich erlebe aber seit Jahren, dass eine große Mehrheit der Eltern, und nicht nur solche mit niedrigem Bildungsstand, sich damit hochgradig überfordert fühlt. Für die Schulen ist es inzwischen schon „Notwehr“, Eltern und Kinder bei diesem Thema zu unterstützen, weil digitale Eskalationen den Schulalltag immer stärker beeinträchtigen, aber es fehlt an wirksamen Konzepten und v. a. auch an entsprechend digitalkompetenten Lehrkräften.“

Wie können Eltern verhindern, dass Kinder auf ihren Smartphones und Tablets auf nicht jugendfreie Internetangebote gelangen?

„Das ist auch mit entsprechenden Schutzprogrammen wie Google Family Link, der Apple Familienfreigabe / Bildschirmzeit oder Apps von Drittanbietern nur eingeschränkt möglich. All diese Programme haben Lücken und können umgangen werden. Tutorials dazu finden sich zuhauf in YouTube, zum Teil auch schon in Nutzerkommentaren in den App-Stores. Es hilft auch nur bedingt, die Kinder im Familienumfeld vor problematischen Inhalten zu schützen, wenn Freundinnen und Freunde der Kinder unbegrenzten Zugang haben. Aufklärung und ein stabiles Vertrauensverhältnis, bei dem sich Kinder mit negativen Erlebnissen an ihre Eltern wenden, sind daher weitaus wichtiger als technische Schutzmaßnahmen, die man nur unterstützend einsetzen kann, aber nicht als eigenständige Maßnahme und Elternersatz. Spielentscheidend ist dabei, den Kindern die Angst zu nehmen, dass die Eltern ihnen bei solchen Vorfällen das Smartphone wegnehmen könnten – ansonsten verschweigen sie unangenehme Onlineerfahrungen konsequent.
Die beste Kindersicherung sind digitalkompetente Eltern, welche die Mediennutzung ihrer Kinder altersgemäß begleiten und die v. a. auch in ihrer eigenen Mediennutzung ein gutes Vorbild abgeben – aber genau da liegt das Problem. Eine Mehrheit der Kinder ist genervt von der Handynutzung der eigenen Eltern!“

Welche weiteren Ratschläge würden Sie Eltern zur Mediennutzung ihrer Kinder mit auf den Weg geben? Was halten Sie von Nutzungsvereinbarungen, Zeitgutscheinen und ähnlichem?

„Eltern müssen die Mediennutzung ihrer Kinder intensiv anleiten, begleiten und zeitlich begrenzen. Der Spaßfaktor digitaler Medien ist so immens hoch, dass Kinder ihre Nutzungszeit nicht selbständig kontrollieren können – ein Smartphone in Kinderhand ist wie eine selbst-nachfüllende Tüte Chips! Nutzungsvereinbarungen wie z. B. ein Handyvertrag können dabei helfen, v. a. aber sind sie ein guter Anlass für ausführliche Gespräche über problematische und gefährliche Aspekte der Internetnutzung, wie z. B. Datenschutz und Privatsphäre, Cybermobbing, Sexting (private Kommunikation über sexuelle Themen per mobile Messaging), Pädophile, Handynutzung im Straßenverkehr etc. In wenigen unüberlegten Sekunden können Kinder Privates ins Netz stellen, das nie mehr zu löschen ist – das muss man ihnen eindringlich und immer wieder bewusst machen.
Folgende Handyregeln sollten Standard sein:
a) Nur die Eltern kennen das Passwort für den App-Store
b) Mahlzeiten, Hausaufgaben und das Kinderzimmer sind handyfreie Zonen bzw. Zeiten. Letzteres gilt insbesondere nachts, denn ungestörter Schlaf ist für eine optimale Entwicklung sowie für den Schulerfolg unverzichtbar. Eltern, die argumentieren, sie würden ihrem Kind diesbezüglich vertrauen, haben offensichtlich vergessen, wie sie selbst als Kinder waren und unterschätzen v. a. den unwiderstehlichen Magnetismus eines Smartphones – dem ja auch viele Erwachsene erliegen!“

Im Rahmen von Elternabenden an Schulen sensibilisieren Sie Lehrkräfte und Eltern gleichermaßen für die negativen Auswirkungen des Medienkonsums z. B. schlechte Noten durch massive Nutzungszeiten oder Cyber-Mobbing. Wo können sich Eltern / Lehrkräfte darüber hinaus informieren und beraten lassen?

„Es gibt zahlreiche Websites, auf denen man sich über dieses Thema informieren kann. Herausragend finde ich www.klicksafe.de, wo Eltern wie Lehrkräfte eine Fülle an Informationen, Unterrichtsmaterial, Handreichungen zu populären Apps und vieles mehr finden, zudem in diversen Fremdsprachen. Auf meiner eigenen Website habe ich etliche weitere hilfreiche Seiten verlinkt.
Für mich persönlich sind Gespräche und Diskussionen mit Kindern und Jugendlichen eine extrem wichtige Informationsquelle. Am Ende einer Ganztagsveranstaltung mit Schüler/innen ab der 9. Klasse, die ich zu Medienscouts ausbilde, habe ich selbst immer eine Menge dazugelernt, denn in die digitale Erfahrungswelt dieser Altersgruppe kann man als Erwachsener nur sehr begrenzt selbst eintauchen. Ohne die Erfahrungsberichte von „Insidern“ wären meine Fortbildungsveranstaltungen deutlich weniger nah am Thema.
Auch Eltern kann ich nur ermutigen, mit ihren Kindern gemeinsam deren bevorzugte Apps, Websites und Spiele zu entdecken, mögliche Problembereiche vertrauensvoll zu besprechen und Sicherheits- bzw. Privatsphäreeinstellungen gemeinsam vorzunehmen.“

Herr Steppich, vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen und Tipps zur Medienerziehung hat Günter Steppich für Eltern und Fachkräfte auf seiner Webseite www-medien-sicher.de zusammengestellt. Auch einen Newsletter kann man dort abonnieren.