Interview mit Familienberaterin Gisela Schuler

In Beratungsstellen finden Eltern und Kinder immer ein offenes Ohr. Familienberaterin Gisela Schuler berichtet im Interview von kleinen Alltagsproblemen bis hin zu Erziehungsfragen.

Portrait-Bild von Familienberaterin Gisela Schuler
© Ludolf Dahmen/ BZgA

Frau Schuler, mit welchen Fragen oder Problemen kommen Eltern zu Ihnen?

 

„Häufig kommen Eltern zu uns, wenn sich ihr Kind im Kindergarten, in der Schule oder auf dem Spielplatz nicht so verhält wie die anderen Kinder. Viele Eltern fragen sich dann, ob mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Die Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten sind oft sehr unterschiedlich.

Meistens werden die Eltern von Erzieherinnen, Lehrerinnen oder auch Ärzten auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Eltern kommen aber auch mit kleineren Problemen im Alltag, zum Beispiel wenn das Kind schlecht schläft oder es in der Familie immer wieder zu Streit kommt.“

Können Eltern in der Erziehung überhaupt alles richtig machen?

„Nein, die perfekten Eltern gibt es nicht. Ebenso wenig gibt es allgemeinverbindliche Regeln für eine gute Erziehung, die für jede Familie und für jede Situation passen. Eltern versuchen, ihrem Kind das mitzugeben, was nach ihrem Verständnis richtig ist. Dazu müssen aber auch immer Respekt, Regeln und Grenzen im Umgang miteinander gehören. Eltern müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie Vorbilder sind. Wenn Eltern zum Beispiel miteinander und mit den Kindern nicht respektvoll umgehen, werden es die Kinder auch nicht tun“

Was sagen Sie Eltern, wenn es zu Konflikten mit den Kindern kommt?

„Ich spreche mit den Eltern über all die einzelnen Situationen, die in der Familie Probleme bereiten. Beispielsweise gibt es oft Auseinandersetzungen um die Frage, bis wie viel Uhr ein Kind abends fernsehen darf. Wie konsequent müssen die vereinbarten Regeln eingehalten werden? Beharren die Eltern darauf, weil sie selbst etwas anderes sehen möchten oder weil sie die Sendung für nicht kindgerecht halten? Die Entscheidung sollte immer so ausfallen, dass sie für das Kind gut ist“

Was raten Sie Eltern, wenn es zur Trennung oder Scheidung kommt?

„Dies ist eine Situation, die ich in der Praxis oft erlebe. Im Idealfall geht eine Trennung der Eltern nicht zulasten des Kindes. Der Alltag sieht leider oft anders aus. Ich biete an, in gemeinsamen Gesprächen herauszufinden, wie der Alltag mit seinen vielen Bedürfnissen und Anforderungen so gestaltet werden kann, dass das Kind möglichst wenig darunter leidet.

Wichtig ist vor allem, dass Vater und Mutter ihre Aufgaben klar und verlässlich verteilen. Das gibt dem Kind trotz der Trennungssituation Struktur, Regelmäßigkeit und Sicherheit. Wenn die Eltern sich auf so einen „Vertrag" einlassen, dient das auch ihrer eigenen „Entspannung“.“

Stehen Eltern heute besonders unter Druck, alles richtig machen und perfekt sein zu müssen?

„Ja, ob sie es wollen oder nicht. Denn in vielen Bereichen wird den Menschen vorgegaukelt, dass sie nur dann etwas wert sind, wenn sie hübsch, nett, schlank, gut in der Schule, erfolgreich im Beruf usw. sind. Deshalb sorgen sich viele Eltern um die Zukunft ihrer Kinder. Sie möchten, dass sie sich gut benehmen, einen guten Schulabschluss machen, um gute berufliche Perspektiven zu haben. Kinder und Jugendliche haben dagegen kurzfristige Ziele: Sie wünschen sich Freundschaft, Zuneigung, Spaß. Durch diese unterschiedlichen Ziele kommt es häufig zum Konflikt. Ich sage den Eltern dann: ‚Den Ball flach halten! Achten sie mehr auf die kleinen Ziele Ihrer Kinder anstatt sich zu viele Sorgen um das zu machen, was vielleicht erst in zehn oder 15 Jahren wichtig ist.‘“

Wie kann man den Druck rausnehmen?

„Den Druck kann man nicht ganz rausnehmen, weil Eltern immer das Beste für ihre Kinder wollen. Sie können aber versuchen, mit vielen Dingen gelassener umzugehen. Zum Beispiel müssen Eltern bei den Hausaufgaben nicht daneben sitzen oder sie sogar gemeinsam mit dem Kind machen. Wenn Kinder Probleme haben, alleine damit fertig zu werden, hilft es oft, wenn sie die Hausaufgaben mit Freunden machen oder in eine Hausaufgabengruppe gehen. Dann lernen sie, selbst Verantwortung dafür zu übernehmen“

Wie können Eltern ihre Kinder am besten unterstützen?

„Wichtig ist, dass Eltern ihr Kind in dem unterstützen, was es ganz persönlich ausmacht. Schon ganz früh zeigt sich, was dem Kind besonders gut liegt und woran es den größten Spaß hat. Womit spielt es zum Beispiel gern? Was weckt seine Neugierde und sein Interesse? Nicht jedes Mädchen spielt gern mit Puppen, nicht jeder Junge begeistert sich für Fußball.

Eltern können ihrem Kind dabei auch viele Anstöße geben. So kann es sich immer wieder erproben und herausfinden, wo seine Stärken liegen. Das hilft ihm dabei, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.“

Gerade in der Pubertät können Eltern und Kinder ja ganz schön
aufeinander prallen. 

„Wenn die Kinder in der Pubertät sehr auf die Pauke hauen, dann steckt meistens dahinter, dass sie sich „losruckeln" müssen - wie ich das nenne. Aus Sicht der Kinder ist es notwendig, dass sie sich von den Eltern emanzipieren.

Eltern müssen das aushalten. In dieser Phase haben sie oft das Gefühl, ihr Kind nicht mehr zu erreichen. Alles steht plötzlich Kopf. Doch Eltern können in dieser Zeit nicht alles verstehen. Es ist auch normal, dass Kinder nicht mehr so bereitwillig von ihrem Alltag erzählen. Trotzdem sollten Eltern versuchen, mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben. Allerdings haben es Heranwachsende nicht gern, ausgefragt zu werden.

Am besten ist es, wenn schon von klein auf eine „Kultur des Schwätzens" eingeführt wurde, zum Beispiel bei regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten. Dann werden sich die Kinder auch in der Pubertät viel offener und selbstverständlicher mit ihren Eltern austauschen.“

Mit welchen Fragen können sich Eltern an eine Beratungsstelle wenden?

„Es müssen nicht die ganz großen Erziehungsprobleme sein. Auch mit kleineren, alltäglichen Fragen können sich Eltern an uns wenden. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wie viel Zeit ihr Kind am Tag vor dem Fernseher verbringen sollte. Offiziell heißt es ja „psychologische Beratung". Das führt immer wieder dazu, dass Eltern und auch Kinder verunsichert sind. Einmal setzte sich ein Junge zu mir und sagte: Ich bin aber nicht verrückt! Da habe ich geantwortet: Verrückte kennen wir auch gar nicht. Da war er erleichtert und lachte. Mit „normal" oder „unnormal" hat das gar nichts zu tun. Wer sich an eine Beratungsstelle wendet, zeigt vor allem eines: dass er oder sie Probleme lösen möchte und Verantwortung für sich und die Familie übernimmt. Wichtig zu wissen ist, dass es eine Schweigepflicht gibt und nichts, was Eltern oder Kinder erzählen, an andere weitergetragen wird. Zudem ist eine Beratung kostenlos.“