Rainer Brechtken

Durch Kinderturnen ein positives Selbstwertgefühl entwickeln

9.10.2012 | Im Interview mit „Kinder stark machen"spricht der Präsident des Deutschen Turnerbundes, Rainer Brechtken, über die Rolle, die das frühe Kinderturnen für die körperliche und soziale Entwicklung von Kindern haben kann und welchen Einfluss Trainerinnen und Trainer darauf nehmen. 

Rainer Brechtken in schwarzem Jacket, rosa Hemd und roas-grau-weiß gestreifter Krawatte lächelnd
© DTB

Herr Brechtken, herzlichen Glückwunsch! Zwei Turner sind mit drei olympischen Silbermedaillen aus London zurückgekehrt. Wie stolz sind Sie auf das tolle Abschneiden von Marcel Nguyen und Fabian Hambüchen?

„Nicht der Präsident, sondern die Turner selbst können stolz auf ihre Leistungen sein. Wir als Verband haben lediglich die Aufgabe, die passenden Rahmenbedingungen für solche Erfolge herzustellen. Trotzdem habe ich mich natürlich sehr für Marcel und Fabian gefreut.“

Sie kennen „Kinder stark machen" schon lange und schätzen die Zusammenarbeit mit der BZgA. Was macht diese Kooperation aus?

„Eine langjährige Kooperation hat den Vorteil, dass beide Partner die jeweilige Struktur kennen und so bedarfsgerecht agieren können. Das Positive daran ist, dass die Inhalte von „Kinder stark machen" auf unterschiedlichen Ebenen transportiert und umgesetzt werden können, wie z.B. in Fortbildungsangeboten, Mitmachaktionen oder der Kinderturn-Show beim Internationalen Deutschen Turnfest in der Metropolregion Rhein-Neckar.“

Viele Kinder starten ihre „sportliche Laufbahn" beim Kleinkind- oder Kinderturnen. Wie wichtig ist Bewegung für die ganz Kleinen?

„Die Bewegungswelt von Kindern hat sich im Laufe der Jahre stark rückgängig entwickelt. Um dem zunehmenden Bewegungsmangel und der fortschreitenden Bewegungsarmut entgegenzuwirken bietet die Marke „Kinderturnen im DTB" Angebote für Kinder ab drei Monaten bis zum Ende des Grundschulalters. Kinderturnen bedeutet in erster Linie das Erlernen grundlegender körperlicher Fähigkeiten und sportmotorischer Fertigkeiten. Aber auch die soziale Komponente, miteinander Spaß zu haben, soll Kindern die Möglichkeit geben, ein positives Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Die zentralen Botschaften des Kinderturnens lauten: Bewegen, Üben, Spielen, Mitmachen, Erleben, Können.“

Die Übungsleiter/innen sind für viele Kinder wichtige Vorbilder. Was geben sie den Kindern neben den sportlichen Fähigkeiten noch mit auf den Lebensweg?

„Dadurch, dass Übungsleiter/innen und Trainer/innen besonders im Kinderturnen eine sehr vertrauensvolle Beziehung zu Kindern aufbauen, haben sie einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Heranwachsenden und können sie stark machen für ein Leben ohne Suchtmittel wie Zigaretten, Alkohol und Drogen.

Ob Jugendliche Regeln einhalten oder zu ihren Fehlern stehen können, liegt oftmals auch daran, wie sie dieses Verhalten bei ihren Trainer/innen erlebt haben. Denn junge Menschen beobachten ihre Übungsleiter/innen genau:

  • Wie gehen sie mit Konflikten um?
  • Wie verkraften sie Niederlagen, wie feiern sie Siege?
  • Sind sie gerecht oder bevorzugen sie Einzelne?
  • Haben sie ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Schützlinge?“

Ein wichtiges Angebot des DTB und der DTJ für seine Übungsleiter/innen sind die Kurzschulungen „Kinder stark machen". Was wird dort konkret vermittelt?

„In der Fortbildung sollen Übungsleiter/innen erkennen, welche wichtige Rolle sie bei der Entwicklung von Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit einnehmen. Das Kinderturnen in den Vereinen bietet ideale Ansatzpunkte, diese Inhalte zu vermitteln und umzusetzen. Die Deutsche Turnerjugend hat gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Lehrmaterialien entwickelt, welche den Landesturnverbänden und Landesturn(er)jugenden ermöglichen, das Thema „Kinder stark machen" selbständig als Aus- oder Fortbildung anzubieten.“

Immer mehr Kinder haben auch nachmittags Schule und kaum noch Zeit für Turnen im Verein. Wie reagiert der DTB auf diese Entwicklung?

„Der Ausbau der Ganztagsschule bedeutet eine enorme Veränderung für die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit, insbesondere für Turnvereine. Aufgrund der heterogenen Rahmenbedingungen in den Bundesländern beschäftigt sich der DTB schwerpunktmäßig damit, sportpolitische Eckpunkte festzulegen und Empfehlungen für die Kooperation von Turnvereinen mit Ganztagsschulen zu geben. Der DTB schlägt beispielsweise vor, Sportangebote im außerunterrichtlichen Bereich der Ganztagsschule verpflichtend einzuführen und gemeinsame Fortbildungsangebote für Lehrer/innen und Übungsleiter/innen mit dem Schwerpunkt „Sport im Ganztag" durchzuführen. Oberstes Ziel ist es, die Hemmschwelle der Vereine herabzusetzen und Lust auf neue Herausforderungen in Bezug auf Angebote im Ganztag zu machen.“

Großes Highlight für alle Turnerinnen und Turner ist nächstes Jahr das Deutsche Turnfest in der Metropolregion Rhein-Neckar, bei dem die BZgA mit verschiedenen Angeboten wieder dabei sind wird. Wie lautet das Motto für das Turnfest und was erwartet die Besucher?

„‚Leben in Bewegung’ ist das Motto für das Internationale Deutsche Turnfest. Und genau das können die Besucher bei den verschiedenen Angeboten der BZgA hautnah erleben.

Am 23. Mai 2013 wird die Premiere der Kinderturn-Show unter dem Thema „Kinder stark machen" aufgeführt. Bei der Kinderturn-Show werden rund 500 Kinder mit und ohne Behinderung das Thema in kreativ gestalteten Bewegungsbildern auf die Bühne bringen. Die beteiligten Kindergruppen kommen alle aus der Rhein-Neckar Region und setzen sich beim Einüben ihrer Choreografien automatisch mit dem Thema bzw. mit Begriffen wie Vertrauen, Mut, Anerkennung, Miteinander und Gefühle auseinander.

Zusätzlich ist die Kampagne „Kinder stark machen" auf einer Fläche von 350m² in die Themenhalle „Kinderturn-Land" mit verschiedenen Mitmachaktionen und einem Infostand eingebunden, wo auch täglich Programm angeboten wird.

Für die Zielgruppe Jugendliche ist die BZgA mit der Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit." vertreten und für die Zielgruppe Erwachsene mit der Kampagne „Gesund und aktiv älter werden" vor Ort.“

Eine letzte Frage: Sie sind im Mai Opa geworden. Wird Ihr Enkel ein Turner?

„Welche Sportart er ausübt, ist nicht entscheidend. Aber ich werde mich für eine solide Grundlagenausbildung ohne zu frühe Spezialisierung einsetzen, natürlich durch das Kinderturnen. Welche Sportart es dann wird, sehen wir wenn er etwas älter ist. Wichtig ist, dass Turnen und Sport Teil seiner Entwicklung wird.“

Vielen Dank, Herr Brechtken!