Michael Bang

Erlebniswelt „Theater“: Unmittelbar, direkt und einmalig.

19.12.2012 | Vorhang auf für Spannung, Humor und Überraschungen! Wann waren Sie das letzte Mal mit Ihrer Kindergartengruppe, Schulklasse oder den eigenen Kindern in einem Kindertheater?

Schauspieler, Autor und Moderator Michael Bang spricht im „Kinder stark machen"-Interview darüber, wie man im Theater gemeinsam auf die Reise geht, und weshalb er sich nicht mit halben Dingen zufrieden gibt. 

Michael Bang horcht auf einer Theater-Bühne vor einem roten Samt-Vorhang nach Tönen, die aus einem aufklappbaren Tisch zu kommen scheinen
© Theater Mummpitz

Micha, du schreibst Theaterstücke für Kinder und stehst selbst auf der Bühne. Was löst das Erlebnis „Theater" bei Kindern aus?

„In erster Linie geht es ja wirklich um ein Erlebnis, etwas relativ Außergewöhnliches, Nicht-Alltägliches. Mit der Klasse, der Kindergartengruppe, mit der Familie oder Freunden betrittst du das Theater, kennst den Titel oder vielleicht eine Vorankündigung, hast sogar schon ein Szenenfoto im Programm oder dem Foyer entdeckt. Und dann - und das ist das Wunderbare - teilen sich Zuschauer und Darsteller die Zeit der Vorstellung. Sie gehen zusammen auf die Reise, die eine gespielte Geschichte vorgibt.

Ich schätze das Unmittelbare, Direkte, Einmalige des Theaters. Und das Phänomen, dass tatsächlich „echte, leibhaftige" Menschen für die Zuschauer da sind, berührt schon die Allerjüngsten. Dabei rede ich aber von dem Theater für Kinder, das nicht in Sälen mit 700 Plätzen dargeboten wird. Micha Bang, Jahrgang 1962, studierte Erziehungswissenschaften, begleitet von einer autodidaktischen Schauspielausbildung. Bereits als 22-Jähriger begann er mit der Schauspielarbeit beim Theater Mummpitz. Weitere Erfahrung sammelte er bei verschiedenen Theatern (u.a. am Stadttheater Fürth) und im Hörfunk (u.a. Bayerischer Rundfunk, Antenne Bayern).

Es ist ein „abgedroschener" Begriff, trotzdem will ich ihn verwenden: Kinder merken ganz genau, wann sie und ihre „Bedürfnisse" ernst genommen werden. Ein gutes Theater für Kinder erfüllt dies durch eine professionelle Herangehensweise. Darunter verstehe ich eine Produktion, welche die Wahl des Stoffes, der künstlerischen und dramaturgischen Umsetzung ernst nimmt und sich nicht mit halben Dingen zufrieden gibt, „weil es ja nur für Kinder ist".

Zum ernsthaften Miteinander gehört es für ein Theater auch, dass wir uns nicht „verstecken", sondern Themen, die Kinder beschäftigen, auf die Bühne bringen. Natürlich spiele und erzähle ich die Geschichte eines Verlustes für einen 11-Jährigen anders als für eine 4-Jährige - aber ich erzähle sie!“

Ab wann kann man mit seinem Kind ins Theater gehen?

„Nun, da gehen die Ansichten auseinander. Seit einigen Jahren verstärkt sich der Trend hin zum Theater für die Allerjüngsten ab etwa zwei Jahren. Musik, Licht, Farben, Bewegung sind die Elemente dieser Form.

In unserem Theater spielen, schreiben und entwickeln wir aber nur Stücke für Kinder ab 4 Jahren und älter. Das liegt daran, dass wir uns als „Geschichtenerzähler" verstehen und für ein junges Publikum spielen wollen, das bereits komplexere Zusammenhänge von Personen und Orten erfassen und dabei ca. 50 Minuten einem Stück folgen kann.“

Michael Bang in schwarzem T-Shirt hält lächelnd einen roten Apfel© Theater Mummpitz

Soll ich mein Kind auf einen Theaterbesuch vorbereiten?

„Meiner Ansicht nach nicht - zumindest was das Inhaltliche der Aufführung betrifft. Unsere Aufgabe als Theatermacher besteht darin, die Kinder „abzuholen" und ihnen mit der Aufführung die Chance zu geben, das was sie sehen im Moment zu erfassen und zu genießen.

Bei der Umsetzung von Bilderbuchklassikern kann eine zu deutliche Vorbereitung sogar zum Bumerang werden, da die Kinder es dann mitunter schwer haben, sich auf unsere Umsetzung der Geschichte einzulassen. Vierjährige lassen sich zum Beispiel ihre Lieblingsgeschichten unzählige Male vorlesen und kennen jedes Wort und jedes Bild. Wir haben es schon erlebt, dass Kinder Buchtexte wortwörtlich vorsagen.

Auf alle Fälle ist es sinnvoll, wenn Erwachsene den Jüngsten, die zum ersten oder zweiten Mal ein Theaterstück besuchen, das Umfeld „Theater" vorab beschreiben: Es werden viele andere Kinder kommen, vielleicht wird es mal dunkel oder etwas laut, man sollte vorher auf´s Klo gehen, darf lachen und am Ende applaudieren.“

Nach einem Theaterbesuch hat das Kind vielleicht Lust, selbst mal Theater zu spielen. An wen können sich Eltern wenden?

„Zum Einen natürlich an die Schule - die meisten Schulen haben Theater-AGs für die jeweiligen Altersstufen. Zum Anderen lohnt sich in Städten mit Stadt- oder Staatstheatern oder größeren freien Bühnen der Blick auf die dementsprechenden Webseiten, um zu erfahren, wo sich welcher Schüler- oder Jugendtheaterclub trifft oder Kurse angeboten werden. - Natürlich gibt es auch kommerzielle Anbieter, die vor allem älteren Kindern Grundlagen des Theaterspiels vermitteln.“

In Rollen schlüpfen und sich verkleiden - das macht Kindern Spaß. Wie kann man im eigenen Wohnzimmer ein Theater zaubern?

„Das geht schon mit ganz einfachen Mitteln. Ein, zwei bunte Tücher werden zum Meer, Schloss, Zauberwald, ein paar bemalte Zettel zu Eintrittskarten, das Backblech zum Donnergrollen. Das Einzige, was man wirklich braucht, sind Zuschauer.

„Ein Mann geht durch einen Raum, während ihm ein anderer zusieht, das ist alles, was für eine Theateraufführung notwendig ist", so hat es der berühmte Theatermann Peter Brook beschrieben. Es reichen also schon Papa, Mama, vielleicht die Großeltern, die sich ein paar Minuten Zeit nehmen für die Vorstellung ihrer Kinder.“

Michael Bang in Jeans und dunkelblauem Polo-Shirt zaubert mit einem Zylinder-Hut vor einer grauen Wand© Theater Mummpitz

Micha, du bist selbst Vater. Wie machst du deine Tochter stark?

„Wir haben zuhause ein Fitness-Studio anstelle des Kinderzimmers. Als Frühstück gibt es ein Best-Protein-and-Low-Fat-Müsli mit Bio-Trocken-Bananen aus regionalem Anbau. Sonntags zur Abwechslung mal zwei Scheiben Quinoa-Vollkornbrot mit Spinataufstrich und abends serviere ich in der Regel T-Bone-Steak mit grünem Salat. Na ja, und dann sorge ich dafür, dass meine Tochter nach der Schule und den Hausaufgaben kein Training ihrer Marathongruppe verpasst und nebenbei ihre Hobbys wie Eiswassertauchen, Freeclimben und Schachsport nicht vernachlässigt. Also das ganz normale Programm für eine 7jährige.

So ähnlich klingt mein Anfangs-Statement auf der „Kinder stark machen"-Bühne. Micha lacht - Nein, meine Frau und ich versuchen, unsere Tochter auf ihrem Weg zu einer selbstbewussten, sicheren und sozialen Persönlichkeit zu stärken und zu begleiten, ihr Zeit und Raum für ihre Wünsche und Interessen zu geben, ihr zuzuhören und ihr von unseren Erfahrungen und Erlebnissen zu berichten....und regelmäßig mit ihr ins Theater zu gehen.“

Vielen Dank, Micha!