Jörg Maas

Vorlesen ist der Königsweg zum Lesen

13.12.2013 | Dr. Jörg F. Maas von der Stiftung Lesen spricht über das Vorleseverhalten der Eltern laut der aktuellen Vorlesestudie und gibt Tipps, wie auch Väter zum Vorlesen motiviert werden können. Zudem sagt er, ob und wie Lesekompetenz Kinder stark machen kann, wie erfolgreich der 10. Bundesweite Vorlesetag im November war und was die Stiftung Lesen sich für das kommende Jahr vorgenommen hat.

Mann beim Vorlesen in der Schule© Stiftung Lesen

Herr Dr. Maas, ein Drittel der Eltern liest zu wenig vor. Zu diesem Ergebnis kommen Sie in Ihrer aktuellen Vorlesestudie 2013. Wie wichtig ist das Vorlesen für Kinder und warum nehmen sich Eltern zu wenig Zeit dafür?

„Vorlesen ist der Königsweg zum Lesen: Studien wie unsere Vorlesestudien oder der PISA-Sonderbericht zeigen, dass Kindern, denen regelmäßig vorgelesen wurde, später das Lesenlernen leichter fällt. Mehr noch: Sie entwickeln sich besser und haben im Schnitt bessere Schulnoten als Gleichaltrige, denen nicht oder nur selten vorgelesen wurde. Vorlesen ist also nicht nur ein „nice to have“, sondern eine wichtige Investition in die Entwicklung und Bildungschancen der Kinder. Dass immer noch ein Drittel der Eltern zu wenig oder nie vorliest, hat vielschichtige Gründe. Viele geben an, dass ihnen die Zeit fehlt oder dass sie unsicher sind, welcher Vorlesestoff geeignet ist und wie sie am besten vorlesen. Hier herrscht also großer Bedarf an Rat und Unterstützung.“

Gerade Väter lesen immer noch deutlich seltener vor als Mütter. Wie können Väter hier motiviert werden? Sind neue Medien wie z.B. Bilderbuch- und Vorlese-Apps geeignete Anreize?

„In der Tat bieten digitale Medien neue Chancen für das Vorlesen. Unsere Vorlesestudie 2012 hat gezeigt, dass gerade Väter offen sind für das Vorlesen mit Apps. Hier spielt sicherlich der Reiz der Technik eine große Rolle. Grundsätzlich bieten digitale Vorleseangebote neue Möglichkeiten, auch die Familien zu erreichen, bei denen das Lesen und Vorlesen einen geringeren Stellenwert hat. Diese Potenziale müssen wir in Zukunft noch stärker nutzen. Ein weiterer erfolgreicher Weg, um Väter zum Vorlesen zu motivieren, ist unser Projekt „Mein Papa liest vor!“: Über das Intranet der teilnehmenden Arbeitgeber stellen wir Vätern – und natürlich auch Müttern – wöchentlich kostenlose Vorlesegeschichten zur Verfügung, um ihnen den Zugang zu Geschichten so leicht wie möglich zu machen.“

Mit dem Programm „Lesestart“ fördern Sie die Beschäftigung mit Büchern schon bei den ganz Kleinen. Andere Programme wie z. B. „Ich schenk Dir eine Geschichte“ richten sich an Erstleser. Ist Lesekompetenz auch eine Lebenskompetenz, die Kinder stark machen kann?

„Auf jeden Fall! Lesen ist der Schlüssel zum Verstehen von Texten, zur Meinungsbildung und zu Bildung ganz allgemein. Wer lesen kann, kann mitreden und sich ein Urteil bilden. Lesen und Vorlesen erweitern außerdem den Horizont, eröffnen fremde Welten und helfen dabei, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Deswegen kann man mit dem Vorlesen oder Erzählen von Geschichten gar nicht früh genug anfangen. So werden im Rahmen des bundesweiten Programms „Lesestart“, das Sie angesprochen haben und das die Stiftung Lesen im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung umsetzt, bereits bei der U6-Untersuchung beim Kinderarzt altersgerechter Lesestoff und Vorlesetipps für die Eltern kostenlos ausgegeben – quasi als „Grundimpfung“ für das Lesen.“

Im November fand bereits zum 10. Mal der Bundesweite Vorlesetag statt, den Sie mit Partnern bundesweit initiieren. Wie viele Aktionen gab es in diesem Jahr und was haben Sie sich für das nächste Jahr vorgenommen?

„Zum Jubiläum des Bundesweiten Vorlesetags haben wir gemeinsam mit unseren Partnern Die Zeit und Deutsche Bahn einen neuen Teilnahmerekord aufgestellt: 80.000 ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser haben sich in diesem Jahr angemeldet, tausende haben sich ohne Anmeldung beteiligt. Wir schätzen, dass insgesamt mehr als 100.000 Menschen an diesem Tag in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken, Redaktionsräumen, in Zügen und in Kaufhäusern aus ihren Lieblingsgeschichten vorgelesen haben. Darunter waren mehr als 1.000 Politiker und zahlreiche prominente Persönlichkeiten, die durch ihre Teilnahme ein wichtiges öffentliches Zeichen für das Vorlesen gesetzt haben. Trotzdem gibt es immer noch weiße Flecken auf der Vorlesetags-Landkarte. Unser Ziel für den 11. Bundesweiten Vorlesetag am 21. November 2014 ist es, dass in jeder Gemeinde Deutschlands Vorleseaktionen stattfinden und wir keine weißen Flecken auf der Landkarte mehr haben.“

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Maas!

 

Zur Person:

Dr. Jörg F. Maas (Jahrgang 1959) ist seit dem 1. Januar 2011 Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen.

Dr. Maas studierte Philosophie, Sozialwissenschaften, Germanistik und Romanistik in Bonn, Berlin und Köln. Er promovierte 1993 an der Fernuniversität Hagen und der Havard University im Fach Wissenschaftstheorie und -geschichte.

Vor seinem Wechsel nach Mainz zur Stiftung Lesen war Dr. Maas geschäftsführender Vorstand der Siftung Jugend forscht in Hamburg. Davor war er Europakoordinator der Bill & Melinda Gates Stiftung sowie Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW).

Weitere berufliche Stationen waren: Dezernent des Akademischen Auslandsamtes an der Otto von Guericke-Universität Magdeburg und EU-Beauftragter für den Aufbau der Wissenschaftslandschaft in Sachsen-Anhalt.