Anke M. Leitzgen

Kinder, die sich mit Gefahren auskennen, sind sicherer

16.09.2015 | Anke M. Leitzgen ist Journalistin, Autorin und Mutter von vier Kindern. Im Interview stellt sie ihr Mitmach- und Mutmachbuch „Bäng! 60 gefährliche Dinge, die mutig machen“ vor und erklärt, warum „Mutproben“ für Kinder so wichtig sind. Zudem sagt sie uns, was für sie ein „starkes Kind“ auszeichnet.

Porträt von Anke M. Leitzgen
© Anke M. Leitzgen

Frau Leitzgen, Sie sind Journalistin und Autorin. Worum geht es in Ihrem neuen Buch „Bäng! 60 gefährliche Dinge, die mutig machen“?

„Das Buch bildet den Kanon von Gefahren ab, die in jedem Kinderleben vorkommen. Deshalb haben Gesine Grotrian und ich auch nicht bei Feuer, Wasser, Werkzeug, Strom und Verkehr Halt gemacht. Es geht auch um zwischenmenschliche Situationen, für die man Mut braucht: Mobbing, die Wahrheit oder auch Nein sagen zum Beispiel. Und dann natürlich die Themen, die kein Muss sind, aber den Alltag würzen: etwa eine Nacht im Freien verbringen oder sie mal ganz durchmachen, eine Spinne auf die Hand nehmen, Brennnesseln anfassen.“

Übersicht von Gefahrensymbolen© Verlagsgruppe Beltz / tinkerbrain

Gefährliche Dinge – müssen sich Eltern da nicht sorgen machen?

„Nur dann, wenn sie mit ihrem Kind nicht darüber sprechen. Wie soll man sonst wissen, ob es eine Gefahr schon einschätzen kann oder wie souverän es ihr bereits begegnet. Aus meinem Alltag weiß ich allerdings auch, dass man als Mutter oder Vater oft so viel zu tun hat, dass man manchmal die nahe liegenden Fragen vergisst wie: „Weißt du eigentlich, wie man heißes Nudelwasser abschüttet?“ Das Buch „Bäng!“ kann man deshalb als Check-Liste nutzen, um Gefahren rauszusuchen und konkret auszuprobieren, die gerade in die Erfahrungswelt des Kindes passen.“

Abbildung eines brennenden Streichholzes mit Erklärungstext© Verlagsgruppe Beltz / tinkerbrain

Woher kommen die vielen Ideen für die „Mutproben“?

„Aus dem Leben. Und natürlich aus meinem Alltag mit vier Kindern. Da gab es sogar einen entscheidenden Anlass: Ich kam nach Hause und meine damals 9-jährige Tochter war mit ihrer Freundin allein. Es roch angebrannt und ich war gleich alarmiert. Dann stellte sich heraus, dass die beiden im Badezimmer im Waschbecken mit Streichhölzern und Papier kokelten. Die Freundin hatte nämlich von ihrem Vater gelernt: Kokeln ist erlaubt, aber nur im Waschbecken, weil man dort sofort mit Wasser löschen kann. Danach habe ich anders auf gefährliche Situationen geschaut und es wurde schnell klar: Die Kinder, die sich mit Gefahren auskennen, sind sicherer als jene, die davor komplett abgeschirmt werden.“

Warum sind die „Mutproben“ für Kinder so wichtig?

„Weil sie Kinder Schritt für Schritt sicherer machen. Aber auch, weil mit ihnen das Selbstbewusstsein wächst. Jedes Mal, wenn ich mutig etwas wage, bewege ich mich außerhalb meiner Komfortzone. Und wenn ich es dann schaffe, weil ich mir der Gefahr bewusst bin und mich schlau verhalte, fühle ich mich der Welt generell besser gewachsen.“

Was zeichnet für Sie ein „starkes Kind“ aus?

„Es kann seine Fähigkeiten gut einschätzen, hat ein gutes Bauchgefühl für brenzlige Situationen und den Mut, zu seiner Meinung zu stehen. Es strahlt so etwas aus wie „Mit mir nicht!“. Das finde ich ganz wichtig, um übergriffiges Verhalten schon im Keim zu ersticken.“

Vielen Dank für das Interview.